Von HELDEN UND WASCHLAPPEN

Peter Hacks' ,,Helena" an der St. Pauli Ruine

 

Auch Götter können irren. Und sie tun es ständig. So oder so ähnlich könnte man Peter Hacks fröhlich-satirisches Schauspiel mit Musik um die schöne ,,Helena" (1964), nach einer Operette von Jacques Offenbach, wohl interpretieren. An der St. Pauli Ruine feierte dieses schwer ironische Stück am Freitag (31.5.) in einer Inszenierung von Jörg Berger Premiere.
Hier gipfelt der allzu heutig erscheinende Götterkampf um Popularität zwar nicht im Trojanischen Krieg, dafür jedoch in einem unterhaltsamen Theaterabend, der in Hacks'scher Manier die Schwächen der allzu menschlichen Herrscher vorführt.
Helena, die schönste Frau auf dem Olymp, wird dabei gleichsam selbst Mittel zum Zweck. Denn eigentlich ist es die listige Kupplerin Venus, welche die Ehe der Schönen per verhängnisvolles Versprechen in den Hades befördert. Britta Andreas spielt diese listige Liebesgöttin, die es weder Minerva (Simone Foltran) noch Juno (Katrin Soddu) gönnt, vom trojanischen Prinzen Paris (Jonas Finger) als die Schönste aller Göttinnen gekrönt zu werden. So verspricht sie dem Prinzen die Liebe der Helena, um den goldenen Apfel des Paris schließlich selbst zu erhalten.
Der anfangs als blökender Zickenkrieg inszenierte Frauenstreit - sinnfällig werden die Schafe hier von Hund Merkur alias Detlef Epperlein zusammengescheucht - mündet schließlich im Konkurrenzkampf zwischen Jupiter (Karl Weber) und Venus. Resigniert stellt Priester Kalchas (Rainer Leschhorn) fest, dass Venus längst populärer als Jupiter ist. Helena indes ist inzwischen dem schönen jungen Paris verfallen und in ein gesellschaftliches Verhängnis verstrickt. Felicitas Mallinckrodt sticht dabei als eine allzu menschliche Helena hervor, die aufgeregt von der Empore herab ihr Schicksal betrachtet und hyperventilierend die Ankunft des angebeteten Paris kundtut.
,,Dem Herzen folgen, gilt als Sünde", deklamiert sie - tut es aber doch. Zusammen mit Paris zieht sie am Ende die Leidenschaft der gesellschaftlichen Anerkennung vor und flüchtet ins Nirgendwo, um die Herrscherriege, die eben noch beschaulich beim Angeln saß, einfach mal stehen zu lassen. Auch Helenas gehörnter Gatte Menelaos - von Lutz Koch wunderbar machtlos treudoof dargestellt - bleibt mit dem Rest der ulkigen Götterbande zurück. Sogar das als große Show inszenierte Orakel führt sich mit diesem Ausgang der Geschichte letztlich selbst ad absurdum.
Das göttliche Herrschaftsgetue dieser in Bettwäschegewänder (Bühnen- und Kostümbild: André Thiemig) gepackten Bande wird hier nicht nur dank Ehebruch, sondern auch in seiner Erscheinung per se parodiert und herzhaft komisch in seiner ganzen Fragwürdigkeit enttarnt.
Nicht nur Ajax I und II (Detlef Epperlein und Jens Döring) und der mächtige Held Achilles (Hans- Martin Thiel) erscheinen dabei als humorige Waschlappen, auch ihr Dichter Homer tritt als blinder Schreiber, den niemand mehr ernst nimmt, auf die Bühne und hat selbst am Mikro bald nichts mehr zu sagen.
Am Ende gibt es in dieser hintersinnigen Inszenierung weder Sieger noch Verlierer. Eine Moral aus der Geschicht' - so sie überhaupt existiert - mag sich jeder Zuschauer für sich selbst herausfiltern. Dass es dem bunten Treiben in der Ruine dabei manchmal ein wenig an Stringenz fehlt und im wilden Göttergewusel auch schnell mal der Faden verloren geht, machen die vielen guten Einfälle - vom göttlichen Donnergrollen bis zur blökenden Schafsherde - bis dahin wieder doppelt wett.

 

 


 

 

ad rem
Nicole Czerwinka 26.06.2013