Ganz ohne Juniregen

Die Theaterruine St. Pauli bietet Romantik unter Glas und spannende Theaterabende

 

Er sitzt im Glashaus. Und eigentlich wirft er sogar mit Steinen – zumindest symbolisch. Denn in den Theaterstücken, die Hausregisseur Jörg Berger in St. Pauli aufführt, sind einige Wortgeschosse versteckt. Er lässt dann gern rhetorisch in den Raum schmettern – in dieses markante Kirchenschiff im Dresdner Hechtviertel, das vor 120 Jahren noch eine imposante dreischiffige Hallenkirche war, vor knapp 70 Jahren zur Ruine wurde und seit einem Jahr ein eindrucksvoller Bau ist – mit dem Charme maroden Mauerwerks und dem Luxus eines modernen Theaters. Seit dem Frühjahr 2012 hat die Theaterruine St. Pauli nun wieder ein Dach und erstmalig eines aus Glas.

„Es gab viele Skeptiker „, erinnert sich Jörg Berger an die Planung der Sanierung. „ Sie fragten: Was wird aus der Romantik? Wo bleibt der Efeu? Und: Wo sollen wir rauchen?“ Die dritte Frage sei am schnellsten geklärt worden. „Draußen.“ Die Romantiker wurden besänftigt, der Efeu beschnitten. Das Beste aber: Auch das Wetter, dieser unsichtbare Kandidat für die kulturelle Open-Air-Planung, bleibt nun außen vor. „Früher haben wir im Mai angefangen und bis September gespielt ; jetzt von Ende April bis Anfang Oktober“, so der Mann, der einst an der Technischen Universität Dresden Hydrologie studierte – „mit Regen kenne ich mich aus“ - , aber immer Theater gemacht hat, zuerst mit der Studentenbühne der TU, dann am Theater der Jungen Generation und schließlich freischaffend. Von April bis Oktober - das scheint keine große Veränderung. „Aber Mai und September waren früher unsere schwierigsten Monate. Jetzt sind sie schön.“ Er schaue kaum noch Wetterbericht, sagt der 50-Jäührige. Die Vorstellungen, bei denen man mitten im Stück das Publikum nach vorn unter die überdachte Bühne bat, weil es schüttete, sind ferne Erinnerungen. „ Noch schlimmer war, wenn es bereits am Nachmittag regnete. Da gingen die Leute gar nicht erst los.“ Und er habe dagesessen und gebangt:“ Kommt heute eine Vorstellung zustande?“

 

Der Fluch der Dezibel

Doch so unberechenbar das Wetter auch war – das Hauptproblem für den Verein Theaterruine St. Pauli, der sich 1999 in die zuvor leer stehende Ruine – gerade von städtischen Bauunternehmen Stesad im Rahmen des Sanierungsprojektes „Hechtviertel“ gesichert – eingemietet hatte und mit zunehmenden Mitgliedern und Erfolg dort Theater spielte, hieß anders. Es war gemacht aus Akkordeon- oder Saxofonklängen, aus Rufen und Lachen. Für die Bewohner der umliegenden Häuser nannte sich das „Lärm“. Die Dezibel wurden immer wieder gemessen. Es gab zunehmend Auflagen, „ Einschränkung“ nennt es der Verein. „Nur noch Vorstellungen bis 21 Uhr, aber keine Konzerte. Sonntagsüberhaupt nichts mehr“, fasst Berger, der auch Vereinsvorsitzender ist, zusammen. Das wichtigste Kriterium begann zu bröckeln: der Spaß. „Die Leute machen ja aus Spaß mit. Was aber, wenn der durch Auflagen so stark eingeschränkt wird, dass er kaum noch zu spüren ist?“ Schließlich bröckelte auch das Hausselbst: In August 2005 brach ein massiver Stein vom Glockenturm ab und krachte auf die Straße. Er traf Autos, keine Menschen. „Doch der Schreck saß“, erzählt Berger. Das Ganze sei während einer Probe passiert. Zwar sicherte die Stesad den Turm, die Ruine wurde baupolizeilich gesperrt. Aber es blieb Unbehagen. Was, wenn so etwas wieder passiert, womöglich während einer Vorstellung in vollbesetzten Ruine?

Der lockere Stein, der zugemutete Lärm, der drohende Regen – all das festigte schließlich den Plan zum Umbau. Ideen für das Glasdach gab es da bereits. „Ich habe bestimmt sechs Jahre mit daran herumlaboriert“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende. „Der Ort sollte seine Sommerlichkeit behalten, die offene Atmosphäre.“ Architekten sprachen vom „morbiden Charme“, der bleiben musste. Über allem stand der Kostenfaktor. „ Natürlich musste zunächst kräftig investiert werden. Andererseits konnte man mit dem Dach auch sparen. Beispielsweise sind die Wände im Inneren nun vor Feuchtigkeit geschützt.“

2010 beschloss der Stadtrat einstimmig die Sanierung der Ruine mit Städtebaufördermittel von 2,7 Millionen Euro. Im Januar darauf war Start, zunächst für den Bau der neuen Sanitäranlagen und einen Zugang für Behinderte. Im Juni und Juli ruhten die Bauarbeiten, und der Verein drehte auf: mit einer auf 45 Vorstellungen reduzierten Spielzeit, eingepresst in beide Monate, beschränkt von einem Bauzaun mitten in der Ruine. Gespielt wurde nur im vorderen Bereich.

Auch wenn man im Zusammenhang mit dem Umbau immer zuerst vom Dach spricht, vielleicht , weil es die sichtbarste Veränderung ist: Das Gebäude hat noch sehr viel mehr bekommen, etwa schallschützende Verglasung für die Fensteröffnungen der Mauern, grauen Steinfußboden, Licht- und Theatertechnik und 250 grau gepolsterter Stühle. Ganz neu sind sie jedoch noch nicht - der Verein hat sie zusammen mit einigen Scheinwerfern aus dem Kulturpalast übernommen. „ Der größte Gewinn für die Zuschauer ist sicher der neue Sanitärbereich“, sagt Jörg Berger. „Auch Behinderte kommen über einen separaten Eingang dorthin und dann per Fahrstuhl in den Zuschauerraum.“ Alle zusammen könnten sich zudem über vielseitigere Aufführungen - mehr Licht –Varianten und bessere Akustik – freuen. Apropos Akustik: Wegen der Reflexion des Glases kommt es zu einer „Verhallung“ des Raumes – ideal für Musik-, schwieriger fürs Sprechtheater. „Da mussten wir uns ganz schön umstellen“, so der Regisseur. Doch auch die Schauspieler, die sich von Profis genug nur darin unterscheiden, dass sie tagsüber einer anderen Arbeit nachgehen und das Theaterspielen in ihrer Freizeit untergebracht haben, haben vom Umbau profitiert. Sie werden jetzt besser ausgeleuchtet, können eine Öffnung in der Bühnenmitte nutzen sowie Werkstatt und Lagerraum. Die Dritten im Bund der glücklichen Nutznießer sind die Techniker, die jetzt bequem hinter den beiden metallgrau verkleideten Emporen schalten und walten können und nicht mehr balancierend auf Leitern. Ein Wermutstropfen bleibt. Der nennt sich Betriebskosten und ist – mit Posten wie Dachreinigung und… - in enorme Höhe geklettert.

 

Die Sehnsucht der Helena

Tango, Gitarrenmusik und Männervokalensemble – endlich finden wieder Konzerte in den Glas-Backstein-Bau statt. Es gibt immer noch Einschränkungen, etwa jene, dass sie nur bis 22 Uhr gehen dürfen. Nein, aus der umgebauten Ruine dringt kein Laut mehr. Aber wenn die Besucher das Haus verlassen, lachen und reden – dann empfinden das die Anwohner mal wieder als Lärm. Allerdings gilt eine Ausnahmegenehmigung für zehn Abende pro Saison bis 23 Uhr. Die erste neue Inszenierung der Saison war Ende Mai die Geschichte um „Helena“, die mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und Lust die Politik aufrührt. Peter Hacks hatte Offenbachs Operette 1964 dahingehend neu bearbeitet. Zweiter Neustart wir die Molière-Komödie „Arzt wider Willen“ am 19.Juli sein. Nach wie vor im Repertoire: „Der Diener zweier Herren“, „Purcells Traum von König Artus“, „Der gute Mensch von Sezuan“ sowie „Der Campiello“. Credo für die Auswahl sind zwei Aspekte: „Unterhaltung, aber ernsthaft wie auch Klamauk, gepaart mit Lebensfreude“, so Jörg Berger. „Ein Stück muss immer zum Raum passen und die Vielfalt des Ortes bespielen können.“ Wer bereits in einer Vorstellung war, weiß: Da turnen die Akteure nicht nur über die Bühne, sondern auch mitten durch den Zuschauerraum, klettern dort auf die Sandsteinsockel oder grüßen von den Emporen wie auch vom Austritt unterhalb des Glockenturms. 120 Vorstellungen hat die 2013-er Saison plus etwa 20 Gottesdienste. Schließlich hat auch die Kirche hier ein Nutzungsrecht. Angemeldet sind außerdem zwei Hochzeiten und eine Taufe als private Feiern. Ja, man kann die moderne Ruine auch mieten. Sitzkissen und Regenjacke jedenfalls braucht keiner mehr mitzubringen. Thessa Wolf

 

 


 

 

SZ Immo-Magazin
Thessa Wolf, 06.2013