Diva in Lauerstellung

Schon als Kind spielte Yvonne Dominik Operette .Jetzt ist sie reif für Großes und lässt zuvor das St. Pauli Team singen


Der Durchbruch ist nah, das spürt sie. Die Traumrollen, die große Bühne – es ist an der Zeit. Yvonne Dominik hat lange genug gebüffelt, jetzt will sie zeigen, was sie draufhat. ,,Für die nächste Spielzeit hoffe ich, ein Engagement an einem renommierten Theater zu bekommen. Auf jeden Fall singe ich an der Dresdner Staatsoperette und in Lübeck vor", sagt die gebürtige Berlinerin. „Jetzt fühle ich mich reif für die Hauptrollen." Mit kleinen Partien oder im Chor will sie gar nicht erst anfangen, sie hat ein klares Ziel ,,Operetten-Diva klingt etwas hochtrabend, aber genau das möchte ich irgendwann sein." Kein Hauch Arroganz liegt dabei in der Luft diese Frau hat einen Plan und keine Zeit für Rumgeeier.
Operette und klassisches Musical liegen ihr am meisten, sagt sie. Was sicher mit frühkindlicher Prägung zu tun hat. Stand sie doch schon als Statistin in einer Operette auf der Bühne, bevor sie ihren ersten Buchstaben schrieb. Ihre Mutter, selbst Sängerin, hatte eine Anzeige entdeckt, mit der die Komische Oper Nachwuchsakteure suchte. ,,Eigentlich musste man im Schulalter sein. Wir sind trotzdem hin - und ich wurde genommen. Die Musikalität stimmte, weil sie bereits mit vier Klavierunterricht bekam. Die Größe passte, weil sie ein paar Zentimeter über dem Durchschnitt lag. Yvonne Dominik durfte gleich in "Ritter Blaubart" mitmischen und wäre am liebsten im Theater geblieben. Wenigstens durfte sie später regelmäßig für Proben vorfristig aus der Schule verschwinden, bekam einmal wöchentlich Unterricht und einen richtigen Vertrag. ,,Ich war keine Kinderdar-stellerin, sondern Schauspielerin kleines Fach - das klang großartig."
Die sich anbahnende Karriere brach jäh ab, als ihre Familie 1985 aus der DDR ausreiste. „Von Berlin-Mitte, wo ich von Kultur umzingelt war, zogen wir nach Aschaffenburg. Das war für mich damals wie ein Sprung in die hinterste Pampa." Irgendwann hatte sie sich mit der neuen Situation arrangiert, zumal sie Blockflötenunterricht bekam und mit diversen Operetten-Platten den Kontakt zum geliebten Genre aufrechterhalten konnte. Ballettstunden und Musikschule kamen hinzu - die künstlerische Bildung lief. Der Weg zum Fachabitur hingegen erforderte grenzüberschreitende Maßnahmen. "Weil Bayern die schärfsten Regelungen hatte, bin ich auf eine Schule in Hessen gewechselt, wo alles entspannter war", erzählt Yvonne Dominik. „An meinem 19. Geburtstag fand ich: Es reicht. Und ich bekam tatsächlich mein Zeugnis und damit einen Abschluss."
Jetzt konnte sie sich endlich ganz der Musik widmen. Zumindest kam sie ihrem Traumbe-ruf einen Schritt näher. Nach zwei Jahren Ausbildung an der Berufsfachschule für Musik hatte sie sich schon mal den respekteinflößenden Titel ,,staatlich geprüfter Leiter in der Laienmusik/Singschulleiter“ verdient. Statt mit Chören zu üben, wollte sie weiterlernen, sang unter anderem an der Dresdner Musikhochschule vor und bekam hier die schnellste Zusage. „Also zog ich im Herbst 1998 nach Dresden und wurde hier zur Diplomsängerin ausgebildet." Sofort fühlte sie sich in Dresden zu Hause, für ihrem Beruf galt das nur bedingt. „Oper ist nicht so mein Ding erklärt Yvonne Dominik., ,,Trotzdem hing ich noch ein Aufbaustudium an, machte aber nach drei Semestern Pause." Ausprobieren war angesagt. Sie unterrichtete bei den Kapellknaben Stimmbildung, sang in verschiedenen Konstellationen, testete auch ihre Beziehung zur neuen Musik aus - und spürte keinerlei Pulsbeschleunigung. - Also versuchte ich es mit Pop." In Basel, bei einem Profi, der bereits Xavier Naidoo trainiert hatte, holte sich die Sängerin das Grundlagenwissen. Dann stolperte sie vor vier Jahren förmlich über die Dresdner Musicalschule von Cornelia Drese und damit über eine Musical-Koryphäe, die ihr exakt das vermitteln konnte, wonach sie gesucht hatte. ,,Die perfekte Ergänzung zur klassischen Ausbildung - damit war für mich alles rund."
Zumal sich parallel ihr Einstieg beim Team der Theaterruine St. Pauli als praktische Ergän-zung zum theoretischen Unterricht anbot. Vor drei Jahren klopfte Yvonne Dominik an und bekam gleich als Cherubin in "Figaros Hochzeit" ihre erste Sprechrolle. Für eine ange-hende Diva ein bisschen dünn, weshalb sie für den Schluss eine Melodie auf den vorgese-henen Text schrieb und das Ganze sang.
Das weckte Begehrlichkeiten, das Musiktheater zog umgehend bei der ambitionierten Truppe aus Laien und Profis ein. "Meine Ara begann in der vergangenen Saison mit „Purcells Traum von König Artus“, ich konnte singen, spielen und bei der musikalischen Einrichtung mitmachen." Zuvor suchte das Ensemble via Ausschreibung Verstärkung, die kam reichlich.Yvonne Dominik: „Kruzianer und Hobbysänger meldeten sich gleicher-maßen, am Ende blieben 15 Leute, die jetzt fest dazugehören." Und die jetzt an der musiktheatralischen Fortsetzung arbeiten.
Die ,,Helena“ hat am 31. Mai Premiere, Yvonne Dominik ist für die musikalische Leitung zuständig, aber derzeit noch nicht zufrieden. ,,Doch es entwickelt sich, läuft langsam und bis zur Premiere hundertprozentig rund." Optimismus gehört zweifellos genauso zum Geschäft wie ein solides Selbstbewusstsein. Beides hat Yvonne Dominik, beides braucht sie als Diva. Geht ihr Traum irgendwann in Erfüllung, hat das St.-Pauli-Team ein Pers-onalproblem. Doch noch lässt der angehende Operettenstar die Truppe singen, noch zählt nur eins: die nächste Premiere.

 

 

 


 

 

Sächsische Zeitung
Andy Dallmann, 06.05.2013