St. Pauli Ruine

Götterkunde und Arztwechsel

St. Pauli ist keine Ruine mehr und kämpft mit neuem Flair und Hacks „Schöner Helena“

Prinz Paris hat es nicht leicht: Der Trojaner, damals getarnt als Schäfer, soll unter drei Göttinnen die schönste wählen. Er stimmt für Venus, weil die ihm Helena, die seinerzeit schönste Frau der Welt, verspricht. Doch König Menelaos ist nicht erpicht , im sein Weib zum leiblichen Vergnügen zu borgen. Die Strippen zieht der umtriebige Priester Kalchas, der zu Jupiter betet, aber schon gern lieber Venus hätte, aber nicht bekommen kann. Die Königshörnung dank Weibflucht löst den Trojanischen Krieg aus, was aber hier kein Thema ist…
Regisseur Jörg Berger wagt – gemeinsam mit André Thiemig als Ausstatter und Yvonne Dominik als musikalische Leiterin – viel. Denn Peter Hacks Schauspiel mit Musik „Die schöne Helena“ baut auf der damals hundertjährigen Operette von Jacques Offenbach auf und verfeinert diese vor fünfzig Jahren mit Ostberliner Feingeist jener Zeit zwischen Brecht und Müller. Mathias Krüger, allein am Piano, meistert die Herausforderung der musikalischen Bergleitung souverän, etliche der 18 Akteure fallen bei den reichlichen Gesangeinlagen jedoch deutlich ab. Einige Albernheiten - wie die Umwandlung der Akteure in Paris´ Schäfchen zu Beginn und nach der Pause - wirken zu aufgesetzt. Ansonsten werden die Möglichkeiten des Raumes mit Spiel auf vier Ebenen wie gewohnt genutzt, das Bühnenbild beschränkt sich auf fünf leichte Säulen, die sich umgekehrt als Wand nutzen lassen. Das funktioniert. Stark im Spiel agieren Felicitas Mallinckrodt als Helena, Britta Andreas als Venus und Rainer Leschhorn als Kalchas, gut bei Stimme und mit Drang zum echten Musical zeigen sich Nikolaus Nitzsche als Orest und Jonas Finger als Paris. Lustig wie immer: Karl Weber als Jupiter und Philokemus, aber vor allem als verquerer Homer.
Es ist die dritte Inszenierung des Amatheurtheaters nach der dezenten, vor einem Jahr vollendeten lichten Sanierung mit dem hohen Glasdach. Dieses neue Ambiente hat Vor- wie Nachteile: Im echten Sommer ist es noch wärmer, bei Regen sitzt man im Trockenen, die Akustik ist nicht mehr so lauschig, sondern etwas hallig, vor allem, wenn wenige Besucher kommen. So sollten auch immer die 230 Polsterstühle stehen bleiben, um diesen Effekt nicht noch zu verstärken. Das macht die Tonregie nicht einfacher, mit Lichteffekten war es schon immer schwierig, wenn man 22 Uhr fertig sein soll, weil sonst ein Nachbar das Umweltamt ruft. Immerhin ist dies eine Stunde länger als zuvor. Eine nette kleine Ausstellung erläutert die Geschichte der Ruine und deren Wiederbelebung – in der man erfährt, dass die aufmüpfigen Hechtviertler sogar zweimal extra bombardiert wurden, also St. Pauli nichts mit dem Aschermittwoch 1945 zu tun hat.
Nun ist die Spielzeitsaison länger, dieses Jahr von Mitte April bis zum 6.Oktober, die Pacht an den Stadtsanierer Stesad als Eigentümer bleibt gleich und unerheblich, aber die Betriebskosten steigen von 4.000 auf rund 60.000 Euro. Ohne dass nun eine Heizung eingebaut wäre. Das erklärt die für Amatheurtheater relativ hohen Eintrittspreise, reicht aber dennoch bei weitem nicht für die Kostendeckung. 12.000 Besucher waren es 2012, nun sollen es ein paar mehr werden, aber die Möglichkeiten sind durch Lage und Konkurrenz begrenzt: „Unser Publikum muss sich erst noch daran gewöhnen, dass es auch getrost bei schlechtem Wetter kommen kann. Wir müssen weiter ständig bei der Stadt um Zuschüsse bitten“, erklärt Jörg Berger, seit Gründung im Juli 1999 Vereinschef und laut Netzpräsens Geschäftsführer, künstlerischer Leiter und Regisseur in Personalunion. Er zeigt seit 2004 allein für alle Produktionen als Regisseur Verantwortung, weil die Versuche der Jahre zuvor mit Gästen schief gingen. „Sowohl das Ensemble als auch das Umfeld brauchen gewisse Sensibilität, die Gastregisseure vielleicht gar nicht haben können“, schmunzelt der 50-Jährige. Inszenierungen stammen „die nicht von mir“.
So wird er auch die zweite Neuproduktion 2013 selbst stemmen: Molières „Arzt wider Willen“ als kleine Schauspielproduktion mit acht Akteuren, Premiere ist am 19. Juli. Unter den Gastspielen ragen Mila Georgiewa & HC Schmidt als bulgarisch-deutsches Duett mit „Zwei Stimmen und ein Piano“ am 21. August (19:30 Uhr) sowie das tierische Multi-Kulti-Spektakel von „Reggaehase Booooo“ mit Yellow Umbrella und dem Leipziger Puppentheater Eckstein am 29. September (15:30 Uhr) heraus. Bei Letzterem können Eltern ihre Nachkommen ab drei nicht nur als Alibi mitbringen.
Andreas Herrmann

 

 

 

 


 

 

SAX
Andreas Herrmann, 07.2013