Purcells Traum von König Artus

Das kommt alles weg

Das fängt ja schon gut an. Eine Viertelstunde vor Beginn mischen sich seltsam gutgekleidete Menschen unter das Publikum, begutachten fachkundig die örtliche Bausubstanz und smalltalken über Entwicklungspotentiale. Pläne haben sie auch dabei, oder eher Skizzen. Ich muss einem von ihnen recht geben, Kultur wird überbewertet, gerade hier in Dresden.
Mal wieder ein sogenanntes Bestandstück, wie so häufig geriet ich eher zufällig hierher. Die St. Pauli - Ruine ist nach der behutsamen und hoffentlich existenzsichernden Sanierung fast wunderschön, da kann man nicht viel falsch machen.
Und Tankred Dorst, jener Herr mit dem sperrigen Namen, ist mir natürlich bekannt, wenn auch nicht gut und auch nicht persönlich. Eine Halboper nach Henry Purcell, ja, warum nicht? Die Woche war hart, gönnen wir uns was Schönes.
Ich hab das Theater fast weinend vor Freude verlassen.
Ein Zappelphilipp, der Zauberlehrling Filidel (Tobias Schmidt mit großartigem Körperspiel) turnt über die Bühne, eine Opernhausruine soll das sein, klingt plausibel. Er umtanzt eine blinde, reiche Erbin, welche wiederum fasziniert ist von den Stimmen, die (nur) sie hört, fast schon in Trance. Wer singt da? Eine rätselzauberhafte Atmosphäre.
Einbruch der Investoren, die Realwelt hat uns wieder. So kenn ich die, es passt jedes Detail, von den Kostümen (André Thiemig, der auch die stimmige Bühne verantwortet) bis zum Habitus. Und gesoffen wird auch ordentlich in diesen Kreisen, wenn auch dezent.

Bullshit-Bingo, „soziale Interaktionen“ wird es auch geben im Konsumtempel, klar. Kettcar hat da neulich ein schönes Lied drüber gemacht„Wir hatten vier, fünf gute Jahre in zukünftiger bester Lage, der Malerfürst lässt leise wissen: Ab jetzt kommen die Touristen.

Der Selbstinszenierungsprofi und Arschitekt Franky Frank (Jens Döring beängstigend authentisch, möchte nicht wissen, was der von Beruf ist) bemerkt, dass die Blinde ihm zurücklächelt und verliert dabei den Anschluss an die Gruppe. Fast kommt er unters Hackebeilchen des freakigen Jeff, aber eben nur fast. So einfach ist das nicht zu lösen. Derweilen hinterfragen die Investoren kritisch die Nachkommastellen im Businessplan.

Auftritt König Artus. Er hat nur mal kurz durch die Ruine gesungen, da wurden die Poster blass … Meine Güte, ist Frank Weiland gut. Und die anderen Operngeister auch. Es wird hell auf der Bühne, taghell, es ist so schön, ich bin den Tränen nah. Nicht zum letzten Male an diesem Abend. Der Chor, die Solisten, die Akustik, … ein Wahnsinn.

Auch wenn die Perücke des Gesangslehrers Sorbello (Rainer Leschhorn mit großem Bass) davonfliegt und die gudste Flower (Judith Franke) trotz aller Begeisterung nun leider gar nicht singen kann, es ist eine Offenbarung.

Doch der Rolli (Sören Haak als incorrect böser Rollstuhlfahrer einer der Stars des Abends) bringt die harte Realität zurück, das alles hier ist nur Zwischennutzung, die Investoren scharren mit den Hufen.

Die gouvernante Tante (Petra Höppner) von Emmeline, jener blinden Schönen aus dem Investorenpulk, versucht einzugreifen. Folgerichtig wird sie auch physisch erst zur Ziege, dann zur Kuh, ein Leichtes für den Zauberlehrling. Sage man nicht, das Gesocks könne sich nicht wehren. König Artus und Emmeline knüpfen fortan unbehelligt zarte Bande.

Eine von den Investschnepfen ist inzwischen völlig blau, aber Frankyfrank ist zur Stelle, er wird sich kümmern und dabei nicht zu kurz kommen.

Pause. Ich probiere zum Erhalt der Zuschauensfähigkeit (diese blöde Angie, auch Angina genannt, wohnt mir immer noch bei) das neue Minzöl aus und verpasse mir eine Überdosis. Das kann ja heiter werden.

„Alles, was Du lernst, macht Dich unglücklich“, weiß Rolli. Ja, unbedingt. Die Handlung verlässt vorerst den Ponyhof. Dann zieht aber doch wieder barocke Romantik ein: Emmeline (Ingrid Schütze spielt hinreißend, man nimmt ihr die Blinde genauso ab wie die spätere Weltentdeckung, ein absolutes Erlebnis) bekommt auf dringenden Wunsch eines einzelnen Königs ihr Augenlicht von Merlin (Karl Michael Weber ist in seinem Handwerkerkittel ein Zauberer, der alles schon gesehen hat und dennoch nicht verzweifelt ist) verliehen. Ich schwöre, es ist das Minzöl, was mich zum Heulen bringt in dieser Szene.
Aber oweh, was ist das? Jetzt sieht sie alles. Außer Artus. Den sieht sie nicht mehr. Dumm gelaufen.
Dafür entdeckt sie unter freundlicher Mithilfe von Filidel die sichtbare Welt. Kann man einen Spiegel poetischer erklären? Nein, das kann man nicht.
Der ganze Saal wird bespielt, in der vollen Kubatur, um im Bilde zu bleiben. Das Einfache, was immer so leicht aussieht, … hier gelingt es auf ganzer Linie.
Doch jetzt ist Schluss mit lustig. Es wird geräumt. Die Investoren sind wieder da und haben ein Rollkommando mitgebracht. Selbstverständlich ist das alles völlig rechtens, und der Einsatz der Polizeigewalt gegen die Störer wird auch nur ein klein wenig übertrieben. Ich unterdrücke mühsam meinen Impuls aufzuspringen und dem nächstbesten Projektentwickler in die Fresse zu hauen.
Die Freaks haben keine Chance. Doch sie nutzen sie. König Artus erscheint und dreht das Spiel. Und aus schwarzen Schafen werden weiße Schwäne … vgl. Gundi, „Es kommt der Tag“.
Zu schön um wahr zu sein? Nein, der Pöbel hat gewonnen. Aber es sind Verluste zu beklagen, Emmeline erblindete wieder und wurde von den flüchtenden Heerscharen des Kapitals mitgenommen. Am Ende wird ihr Franky Frank die Welt zeigen, mit allen Schönheiten, die die Business-Class so hergibt. Ein Pyrrhussieg, König Artus ist untröstlich.
Während der böse Rolli seine Träume erzählt (nichts Schönes dabei), rüsten die Investoren zum Vernichtungsschlag. Artus hat nur sein verlorenes Fräulein Braut im Kopf, für Collani (als ideal besetztes Hass-Objekt Björn Schröder), den Geschäftsführer der Real Estate Company, ist es ein Leichtes, die Besetzer mit einem Buffet einzulullen und dabei Liebesgrüße aus Semtex zu verteilen. Und während die Guten immer trunkener werden, tickt schon der Zeitzünder … Rrrrrummms. Kollateralschäden gibt es immer wieder.

Ein großartiger Abgesang mit der Musik von Henry Purcell, nochmal Gänsehaut. Langer, herzlicher Beifall, einige „Bravo“ waren zu hören, auch eines vom Verfasser.

Die musikalische Leitung von Yvonne Dominik, die zudem grandios singt, hat sich mit einer genialischen Regiearbeit von Jörg Berger zu einem Meisterwerk verbunden. Nicht mehr und nicht weniger.

 


 

 

Kultura Extra Das Online-Magazin
Sandro Zimmermann, 30.08.2013