Oh wunderschöner Zankapfel

Leicht und komödiantisch: In der Dresdner Theaterruine St.Pauli ist „Die schöne Helena“ von Peter Hacks zu erleben

Dresden – Der 2003 gestorbene Peter Hacks schrieb 1964 nach dem Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halèvy das Stück „Die schöne Helena“ und nannte es eine Operette für Schauspieler.
Diese Koordination hat Regisseur Jörg Berger beibehalten und am St. Pauli Theater Dresden eine leichte komödiantische Inszenierung geschaffen, die er mit köstlichen Slapstick Einlagen krönt. Und da muss zuerst Karl Weber genannt werden, der hier in der Trias Jupiter, Homer, Philokemus auftritt. Weber ist im besten Sinne ein Volksschauspieler, ohne den damit verbundenen Beschränkungen zu unterliegen. Zwar wird er immer wieder mit seiner großen Fähigkeit, den von Schicksal und Gesellschaft Geschlagenen auf der Grenze zwischen Trotz und Verzweiflung zu spielen, auf die Bühne geholt. Aber er hat seinen Stil in den mehr als zehn Jahren, die er inzwischen mit Jörg Berger arbeitet, kontinuierlich und konsequent weiterentwickelt: Den sächsischen Dialekt , der immer noch häufigstes gestalterisches Mittel des Ensembles ist, hat er zugunsten eines nuancenreicheren Ausdrucks zurückgenommen, und sein Spiel ist insgesamt disziplinierter, weniger überbordend geworden. Das gibt im die Freiheit, nicht mehr nur Typus, sondern ganz in der Rolle zu sein. Jupiter ist nicht nur der ermüdete Gott, an den sich das christliche Abendland gewöhnt hat, ist auch ein alter Gott, der nicht mit kindischen Gute-Nacht-Gebeten wahllos behelligt wird, sondern dem Menschen (ein gewisses Maß an)Verantwortung für sein eigenes Leben lässt - und sei es aus Desinteresse. Und Homer ist in dieser Inszenierung auch nur vordergründig der schrullige Dichter, den keiner mehr will und braucht. Weber macht aus diesem Homer das verstummte Gewissen der Zeiten, das kulturelle Gedächtnis – er macht es auf so drollige, skurrile und gleichzeitig eindringliche Art, dass sich im Lachen die Erkenntnis zeigt, wenn wir vergessen, woher wir kommen, wenn wir aufhören Geschichten zu erzählen und zu hören, droht uns Menschen der Untergang. Auch Bergers Inszenierung spart den Trojanischen Krieg aus, aber erwähnt ihn – Hacks gemäß – eben als drohende Möglichkeit.
Dagegen fallen die übrigen Leistungen notgedrungen ab, aber das kommt kaum an die Oberfläche der Inszenierung, die sich im allgemeinen Gestus und in einigen Details an den Filmklassikern komödiantischer, persiflierender Antike –Rezeption wie „Amphitryon“ von Reinhold Schünzel (1935) oder „Der Raub der Sabrinerinnen“ (1954, Kurt Hoffmann) orientiert. Berger umschifft so gekonnt die Klippen, die sich aus seinem ungewöhnlichen Ensemble, einer Mischung aus Laien und Profis, ergibt. Lediglich beim Gesang treten die Unterschiede hart hervor, etwa Paris und Orest mit den geschulten Sängern Jonas Finger und Nikolaus Nitzsche, neben der wackeligen Helena (Felicitas Mallinckrodt) und der anstrengenden Venus (Britta Andreas).
Insgesamt jedoch ist Jörg Bergers Inszenierung von der leichten, schönen Weisheit ins Spiel versunkener Kinder geprägt.

 

 


 

 

Freie Presse
Uta Wiedemann, 29.06.2013