Risiko und Nebenwirkung

Molierès „Arzt wider Willen“ lockerleicht im Stil der Commedia dell´arte in der St Pauli Ruine

 

Eine Besprechung über Stücke in der Theaterruine im Hechtviertel zu schreiben ist schwierig, denn der Besuch birgt immer gewisse Risiken und Nebenwirkungen: Riskant ist, sich schnell dazu verleiten zu lassen, Jörg Bergers Arbeiten wegen ihrem Muss an übertriebener Gesellig- und Wuseligkeit zu kritisieren, die allzu kirchliche Akustik in der schönen, neuen alten Spielstätte anzukreiden oder eben nur einen nüchternen Halbsatz über die Bühnenleistung zu verlieren. Gleichzeitig jedoch, und damit kommen wir zu den Nebenwirkungen, kann man sich dem Charme eines Ensembles, das dankbar flehend während des Schlussbeifalls für „Arzt wider Willen“ eine Trinkgeste macht, und damit die Vorführung für beendet erklärt , einfach nicht entziehen.
Molierès Klamotte über den Arztbetrüger Sganarelle ist lockerleichter „St. Pauli-Stoff“ und natürlich wagt sich Berger in seiner Interpretation wieder einen Tick zu weit heraus – frank Bendas lässt er als Bediensteten Lucas unsäglich sächseln und ein grandios verdattert spielender Olaf Nilsson wird dazu verdonnert , als vornehmer Geronte einen Stuhlgang- Kalauer zu reißen. Aber all das ist zu verzeihen, denn Spaß macht das Stück auf ganz andere Weise. „Der Arzt wider Willen“ ist eine Komödie der besonders schwarzen Sorte und genau diesen Humor weiß Berger gekonnt mit Christoph Wagner als Sganarelle zu vermitteln.
Der beweist mit hinreißender Mimik, wie gut ihm die Rolle des ohne Eigenverschulden zum Wunderdoktor erhobenen rotnasigen Harlekins steht, der aus der vertrackten Situation natürlich das Beste macht – Geld. Unterstützt wird Bergers Slapstick-Humor von Eric Törsel, der als Gitarre spielender Liebhaber von Lucinde jeden Stolperer und Nackenschlag mit einem Saitenhieb begleitet. Die Gags vollbringt das Ensemble mit Würde, nur die Pausen hat Berger im Eifer des Gefechts vergessen. So kommt es, dass der Showdown zwischen Geronte und seiner aufmüpfigen Tochter, die sich krank stellt, um einer gewollten Standesheirat zu entgehen, in einer – zugegeben furiosen – Kartonagen-Schlacht untergeht. Dieser Molière in der Theaterruine ist vielleicht nicht verschreibungspflichtig, aber wie zitiert Bendas den Apotheker so schön: „Nützt nix, schad´ aber auch nix.“

 

 


 

 

DRESDNER
Martin Krönert, 09.2013