Sommertheater St. Pauli

Venedig im Hechtviertel

,,Wir tanzen bis wir umfallen. Und dann stehen wir wieder auf", erklärt Catte kategorisch. Es klingt auch trotzig - und ein bisschen traurig.ln ihrem grünen Morgenmäntelchen und dem hellseidenen Nachthemdchen - beides in die Jahre gekommen wie sie selbst - lehnt sie sich auf gegen ihr Schicksal, zumindest erst einmal in Gedanken und Worten. Der Zug des Lebens scheint abgefahren.
Oder hatte er nie eine Haltestelle auf dem Campiello, diesem Platz in Venedig? Das Ensemble der Theaterruine St. Pauli hat Carlo Goldonis ,,Der Campielo" inszeniert. Das Stück hat seinen Ursprung im 18. Jahrhundert und ist ein heiter-trauriges Stück um das Spiel der Menschen mit ihren Illusionen. Die tempo- und wortreiche Inszenierung unter der Regie von Jörg Berger in der Theaterruine St. Pauli ist richtig gutes Sommertheater. Haupttenor in diesem Stück ist es, jemanden ,,abzukriegen"- egal wie. Da ist Cattes Tochter Lucietta, die schnippische Schöne, den anderen einen Schritt voraus. Sie ist immerhin verlobt. Doch was nützt die schönste Verlobung, wenn der Kerl arm und eifersüchtig, ja sogar unbeherrscht und aggressiv ist? Gut durchgemischt werden die Campiello-Schicksale schließlich von Faktor X. Das ist jener Fremde, der plötzlich auftaucht und die Träume der schon immer Dagewesenen in die Ferne schickt. Dazu passen auch die stückbehafteten Seitenblicke zu Romeo und ]ulia.Tine Friedrich

 

 

 

 

SZ am Wochenende
Tine Friedrich
11./12.08.2012