Heiter bis ernst und wolkenlos gut

Tankred Dorsts „Purcells Traum" in umgebauter Kirchenruine in Dresden

Dresden - Jörg Berger, Regisseur und Theaterdirektor des 1999 in Dresden gegründeten St.-Pauli-Theaters, hat die Fähigkeit, in einem Text das zu finden, was dem Geist des Ortes entspricht. Dieser Ort, das ist die Ruine einer Kirche. Bergers Spezialität sind entsprechend literaturhistorisch bedeutsame, zumeist kanonisch gewordene Theatertexte beispielsweise von Shakespeare, Goldoni, Tirso de Molina oder auch Brecht. Dabei 1ässt er das Wesen des Textes heil und holt ihn trotzdem ins 21. Jahrhundert. Eine Leistung, die dem Regisseur stets wie mit Leichtigkeit gelang. Doch dann änderte sich alles, die dachlose Ruine war so nicht mehr bespielbar. Sicherungsarbeiten waren nötig. Und 2009 war die Gefahr für Ensemble und Zuschauer zu groß geworden. Hinzu kamen Querelen wegen der Lautstärke und Einschränkungen der saisonalen und sogar täglichen Spieldauer durch das Umweltamt.

Ein wunderschönes Glasdach

Der Umbau, genauer gesagt, die Verglasung der Ruine wurde dem Dresdner Architekten Michael Dähne anvertraut. Er hat dem flachen gläsernen Kastendach durch zarte Unterspannungen eine Leichtigkeit gegeben, die auf den gesamten Bau wirkt und ihn filigran wirken lässt - wunderschön!
Mit der Premiere dieser Spielsaison hat die Berger-Company dem veränderten Raum Rechnung getragen und zum ersten Mal einen lebenden Theaterautor inszeniert: „Purcells Traum von König Artus". Artus Feinde treten hier als eine Gruppe von Investoren auf, die die Ruine eines alten Opernhauses durch einen Einkaufspark ersetzen wollen. Die Parallelen sind deutlich, gab es doch auch den Plan, das Pauli- Theater durch einen Parkplatz zu ersetzen. Bei Dorst sehen sich jene Investoren eigenartig entrückten Personen gegenüber: Schräge Vögel, Obdachlose, Gescheiterte haben hier ihren Schutzraum gefunden. Dazu kommen aus Henry Purcells Semi-Oper "King Arthur" Geistergestalten.

Geschäftswelt vs. Kunstwelt

Gerade durch diese Operngeister wird das Stück besonders anspruchsvoll Sopran, Tenor, Bariton, Bass als Solo - eine große Herausforderung für eine Theatergruppe, die ihre Ausstrahlung aus der Verzahnung von Profis und Laien gewinnt: Die Soli waren makellos, ebenso wie Klavier, Violine und Keltische Harfe (hinreißend: Simone Foltran). Die musikalische Leitung hatte die Sopranistin Yvonne Dominik inne, die auch der Geist Purcells übernahm. Der in Tempo, Kostüm und Spiel extreme Gegensatz zwischen hektischer Geschäftswelt, die vielleicht etwas zu stark ausgespielt wurde, und der Kunstwelt der Oper erzielte eine fast andachtsvolle Wirkung, so dass die Gesangsszenen dem Zuschauer schließlich nicht nur als der erstrebenswertere Teil der Welt, sondern auch als der realistischer erscheinen. Ein einzelner Darsteller überstrahlte alle anderen, Frank Weiland als König Artus personifiziert die zeitenüberdauernde Kunst, also die einige große Menschheitskraft, so zutiefst humanistisch, dass sich der geänderte Schluss des Stückes wie von selbst und als berechtigte Hoffnung ergibt: Bei Dorst kommt die Abrissbirne, hier im geretteten St.-Pauli- Theater, behalten die Geister der Kunst ihr Zuhause.

 

 

Freie Presse
Uta Wiedemann
26.08.2012